Atemarbeit als innere Haltung zur Geburt – warum Atmen weit mehr ist als eine Technik
Geburtsvorbereitung ist heute oft geprägt von Wissen, Checklisten und Techniken. Frauen lernen Atemmuster, Geburtsphasen, Positionen und Entspannungsübungen, und all das kann hilfreich und sinnvoll sein. Gleichzeitig habe ich in der Begleitung von Frauen immer wieder den Eindruck gewonnen, dass das eigentliche Erleben der Geburt häufig an einer ganz anderen Stelle entschieden wird — nämlich in der Frage, ob eine Frau in intensiven Momenten den Kontakt zu sich selbst halten kann oder ob sie beginnt, innerlich in einen Zustand von Angst, Anspannung und Kontrollverlust zu geraten.
Interessanterweise zeigt sich das oft nicht erst dann, wenn die Wehen besonders stark werden. Manche Frauen verlieren diesen inneren Kontakt bereits relativ früh, sobald sie das Gefühl haben, beobachtet zu werden, den Erwartungen anderer entsprechen zu müssen oder „funktionieren“ zu sollen. Andere wiederum erleben ebenfalls Schmerz und Überforderung, wirken dabei aber trotzdem erstaunlich verbunden mit sich selbst und ihrem Körper. Was dabei faszinierend ist: Der Unterschied scheint häufig weniger in der Schmerzintensität selbst zu liegen als vielmehr darin, wie das Nervensystem auf diese Intensität reagiert.
Wie das Nervensystem die Geburt beeinflusst
In der Begleitung von Geburten lässt sich häufig beobachten, dass Frauen in besonders herausfordernden Momenten beginnen, den Atem anzuhalten oder nur noch sehr flach zu atmen. Die Schultern ziehen sich nach oben, der Kiefer wird fest, der Blick richtet sich zunehmend nach außen, fast so, als würde der Körper versuchen, sich gegen die Erfahrung zu schützen. Und genau das tut er neurobiologisch betrachtet vermutlich auch.
Denn Geburt ist nicht nur ein mechanischer Prozess des Körpers, sondern immer auch ein Zustand des Nervensystems.
Unter Stress aktiviert der Organismus automatisch Schutzmechanismen. Adrenalin steigt an, die Muskulatur spannt sich an, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung verengen sich. Das ist grundsätzlich etwas sehr Sinnvolles, weil unser Körper auf diese Weise auf potenzielle Gefahr reagiert.
Geburt scheint physiologisch jedoch eher Zustände zu brauchen, die mit Sicherheit, Rückzug und einem gewissen inneren Loslassen verbunden sind. Oxytocin, eines der zentralen Hormone der Geburt, wird besonders dann ausgeschüttet, wenn Frauen sich sicher, geschützt und nicht permanent beobachtet fühlen.
Michel Odent hat diesen Zusammenhang sehr eindrücklich beschrieben, wenn er davon sprach, während der Geburt das „primitive Gehirn“ zu schützen. Gemeint ist damit jener archaische Teil unseres Nervensystems, der Geburt weitgehend intuitiv organisiert, solange er nicht durch Angst, ständige kognitive Kontrolle oder soziale Bewertung gestört wird. Gerade darin liegt ein wichtiger Punkt: Der Körper einer Frau reagiert unter der Geburt nicht nur auf körperliche Reize, sondern in hohem Maß auch auf Atmosphäre, Sprache, Beziehung und emotionale Sicherheit.
Warum Atemarbeit unter der Geburt so wirksam sein kann
Und genau hier bekommt Atemarbeit ihre eigentliche Bedeutung.
In meiner Erfahrung hilft bewusste Atmung Frauen oft nicht deshalb, weil sie damit „richtig“ atmen würden, sondern weil der Atem eine der wenigen Funktionen des Körpers ist, die sowohl autonom als auch bewusst beeinflusst werden können. Der Atem bildet gewissermaßen eine Brücke zwischen körperlicher Reaktion und innerem Erleben.
Viele Frauen beschreiben im Nachhinein weniger eine bestimmte Technik als vielmehr das Gefühl, durch den Atem wieder bei sich angekommen zu sein. Ein langer Ausatem kann Spannung reduzieren, Orientierung geben und dem Körper signalisieren, dass im aktuellen Moment keine unmittelbare Gefahr besteht. Manchmal verändert sich dadurch die gesamte Qualität einer Geburtssituation, nicht unbedingt spektakulär oder plötzlich, sondern eher leise und fast unscheinbar. Die Frau wirkt wieder weicher, präsenter und weniger im Widerstand gegen das, was gerade geschieht.
Selbstregulation statt Kontrolle während der Geburt
Was ich in diesem Zusammenhang wichtig finde: Regulation sieht unter der Geburt nicht immer ruhig oder kontrolliert aus. Manche Frauen beginnen zu tönen, sich stark zu bewegen, zu zittern oder zu weinen, und interessanterweise sind das häufig nicht die Momente größten Kontrollverlustes, sondern eher Momente, in denen der Körper beginnt, Spannung abzubauen und wieder in einen natürlicheren Rhythmus zu finden. Geburt ist kein Zustand vollkommener Beherrschung. Vielleicht geht es vielmehr darum, dem Körper genügend Sicherheit zu geben, damit er nicht permanent gegen sich selbst arbeiten muss.
Achtsamkeit in der Geburt: Präsenz statt Perfektion
Auch der Begriff der Achtsamkeit wird in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht häufig missverstanden. Achtsamkeit bedeutet nicht zwangsläufig Ruhe oder Entspannung. Es geht eher um die Fähigkeit, wahrnehmen zu können, was gerade geschieht, ohne sofort in Angst, Widerstand oder Katastrophisierung zu geraten. Studien weisen inzwischen darauf hin, dass insbesondere diese Form der Nicht-Reaktivität einen relevanten Einfluss auf das Geburtserleben haben könnte. Frauen, die intensive Empfindungen wahrnehmen können, ohne sich ihnen vollkommen ausgeliefert zu fühlen, berichten häufiger von Selbstwirksamkeit und einem stabileren emotionalen Erleben der Geburt.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Geburt dadurch automatisch leicht oder schmerzfrei wird. Und es bedeutet auch nicht, dass Frauen „einfach nur richtig atmen“ müssten, damit alles gut verläuft. Solche Vereinfachungen werden der Realität von Geburt nicht gerecht. Vielmehr scheint es darum zu gehen, Frauen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie auch in intensiven Situationen in einer Beziehung zu sich selbst bleiben können.
Die MyDoula-Methode: Atemarbeit als ganzheitlicher Ansatz
In der MyDoula-Methode verstehen wir Atemarbeit deshalb nicht als isolierte Technik, sondern als Teil eines umfassenderen psychophysiologischen Ansatzes. Atemübungen werden kombiniert mit Wissen über Geburtsprozesse, Körperarbeit, Meditation, Selbsthypnose sowie der Arbeit mit inneren Bildern, Ängsten und oft sehr tief verankerten Vorstellungen über Geburt. Ergänzt wird dies durch kreative Verfahren wie Birth Art, die helfen können, implizite emotionale Muster sichtbar und bearbeitbar zu machen.
Denn in meiner Erfahrung brauchen Frauen unter der Geburt häufig weniger zusätzliche Kontrolle als vielmehr das Gefühl, sich selbst auch in intensiven Momenten nicht vollständig zu verlieren.
Und vielleicht liegt genau darin die tiefere Bedeutung von Atemarbeit: nicht in der perfekten Technik, sondern in der Möglichkeit, mitten in einer existenziellen Erfahrung immer wieder in Kontakt mit dem eigenen Körper, dem eigenen Erleben und der eigenen inneren Stabilität zurückzufinden.
Literaturhinweise:
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